Besuch aus Belgien
Wie die Enkelin eines belgischen Kriegsgefangenen in Karsee dem Schicksal ihres Großvaters nachspürte
Am 28. April 1942 verunglückte in Oberhalden bei Karsee der belgische Kriegsgefangene Arthur Mahy tödlich. Bei Bauarbeiten am Hof der Familie Fricker stürzte eine Mauer ein und begrub den 37-jährigen Notar aus Namur unter sich. Er hinterließ seine Frau Juliette und drei kleine Kinder.
Mehr als acht Jahrzehnte später hat sich nun seine Enkelin Joëlle Mahy auf den Weg nach Karsee gemacht. Seit 2017 recherchiert sie das Leben ihres Großvaters, kontaktierte das Internationalen Rote Kreuz in Genf, sichtete Briefe und Fotos, die erst im vergangenen Jahr beim Ausräumen des Speichers ihrer Großtante wiedergefunden wurden. Gemeinsam mit ihrem Mann Didier stand sie nun an den Orten, die in der Familiengeschichte über Generationen hinweg im Schatten standen: in Ruzenweiler, wo Arthur Mahy während seiner Gefangenschaft lebte und arbeitete, in Oberhalden, wo er starb, und auf dem Friedhof von Karsee, wo er 1942 unter großer Anteilnahme beigesetzt wurde.
Empfangen wurde das Ehepaar von Rosi Geyer-Fäßler und ihrem Mann Wolfgang sowie dessen Schwester Claudia Sigg, geb. Fäßler. Auf deren Hof in Ruzenweiler waren einst bis zu zwölf Gefangene untergebracht. Auch Mitglieder der Familie Fricker, auf deren Hof sich der tragische Unfall ereignet hatte, nahmen an der Begegnung teil. Der damals siebenjährige Josef Fricker erinnerte sich, wie seine Mutter bei dem Unglück ebenfalls schwer verletzt wurde. Seine beiden Nichten Elke und Renate begleiteten ihn an diesem Tag.
Der pensionierte Französischlehrer Anton Schnell half bei der Übersetzung, Ortsvorsteher Christoph Bahr sprach Worte des Willkommens. So verbanden sich an diesem Nachmittag Vergangenheit und Gegenwart auf eindrückliche Weise.
Ein Begräbnis, das bewegte
Die Pfarrchronik berichtet, wie Arthur Mahy am 1. Mai 1942 in Karsee beigesetzt wurde. Rund hundert belgische Gefangene aus der Region begleiteten den Trauerzug, ein Chor sang, ein Mitgefangener spielte die Orgel, die Messe zelebrierten ein Vikar aus Marseille und ein französischer Pfarrer – beide selbst Kriegsgefangene. Noch heute gibt es Berichte und sogar ein Foto dieses ergreifenden Abschieds.
1949 wurden Mahys sterbliche Überreste nach Belgien überführt. Mit auf die Reise ging das Holzkreuz, das seine Kameraden für ihn gefertigt hatten. In seiner Heimat wurde er in großem Rahmen bestattet, sein Sohn Arthur junior war damals zwölf Jahre alt. Eine Straße in seinem Geburtsort Noville-les-Bois trägt seither seinen Namen.
Begegnung über Grenzen hinweg
Für Joëlle Mahy war der Besuch in Karsee nicht nur ein historisches, sondern auch ein zutiefst persönliches Ereignis. „Arthur war die Liebe ihres Lebens“, sagte ihre Großmutter Juliette noch Jahrzehnte später. Der Schmerz des Verlustes war so groß, dass sie nie wieder über die Vergangenheit sprach.
Nun aber fand die Familie zurück an den Ort, wo ihr Großvater einst fremd, aber sehr angesehen und wertgeschätzt, gestorben war – und wurde mit offenen Armen empfangen. Gemeinsam besuchte man den Hof der Frickers, den Friedhof, und tauschte Erinnerungen aus. Der genaue Platz seines Grabes ist heute nicht mehr rekonstruierbar. Und doch: In den Erzählungen, in den Briefen, in den Begegnungen lebt das Andenken an Arthur Mahy weiter.
Am folgenden Tag empfing Oberbürgermeister Michael Lang die Gäste im Rathaus von Wangen. Er lud sie ein, jederzeit zurückzukehren.
So wurde aus einem tragischen Kapitel der Kriegsjahre ein Moment der Versöhnung. Eine Enkelin und ein Dorf blickten gemeinsam zurück – und entdeckten, dass Erinnerung Brücken bauen kann, die stärker sind als die Mauern, die einst zerfielen.
